Konzept der Selbstvermarktung im digitalen Zeitalter

Noch nie stand berufliche Weiterbildung derart oben auf der Prioritätenliste der ins Berufsleben eintretenden Generationen wie heute. Fast möchte ich sagen, dass es kaum mehr Beschränkungen gibt wenn es um die Weiterbildung geht. Talent alleine genügt da nicht mehr. Wissen und immer wieder neues Wissen ist unabdingbar geworden in einer Zeit des permanenten Wandels. Vorbei ist die Zeit der soliden Erstausbildung, die in früheren Generationen über die ganze berufliche Lebensspanne reichte.

In Zeiten, in denen von Hebammen der Masterabschluss verlangt wird, um neues Leben auf die Welt zu bringen, liegt es auf der Hand, dass auch der eidgenössische Berufsabschluss kein Garant mehr ist für eine sichere und bruchfreie berufliche Zukunft. Ein Bachelor-Abschluss muss sein, ein Master dann, wenn man auch Teil wichtiger Projekte werden will. Deshalb ist es klug, sich einen kurz-, mittel- und langfristigen Plan zurecht zu legen, was man sich wann aneignen will.

Nun ist es für das CV wichtig, all dieses Bemühen auch zu dokumentieren. Aber reicht es dann auch aus, das CV nur dann aus der Schublade zu holen, wenn man die Absicht hegt, die Stelle zu wechseln?

Dazu sage ich ganz klar: 
NEIN!

Weil da draussen im viel gepriesenen Markt Wettbewerb herrscht -
 der War of Talents - kommt der Karriere bewusste Mensch nicht mehr darum herum, Selbstvermarktung aktiv zu betreiben. Dabei geht es nicht einfach nur darum, mehr Geld verdienen zu wollen, sondern bei spannenden Projekten seinen Beitrag leisten zu können. Dies mit dem Ziel, bei innovativen Projekten auch wieder dazu lernen zu können, aber dabei auch Referenzen zu sammeln. Beweise zusammen zu tragen, Teil einer Entwicklung zu sein.  Und auch das muss transparent nach aussen getragen und dokumentiert sein. Bescheidenheit ist vielleicht eine Zier, aber im War of Talents schon fast ein Todesurteil.
Zumindest eine Selbstbeschränkung, die Türen nicht aufreisst und Chancen ungeprüft vorbei ziehen lässt.

Onlineaktivitäten entwickeln

Um es gleich vorweg zu nehmen. Ich empfehle jedem zielstrebigen Menschen heute so früh wie möglich mit der Führung eines Blogs zu beginnen. Das kann mit Ehrgeiz verbunden werden oder mit einer gewissen Bescheidenheit. Hauptsache, man ist davon überzeugt, die nächsten Jahre regelmässig darüber zu berichten, wie sich das berufliche Fortkommen entwickelt, welche Weiterbildung man absolviert hat und welche Projekterfahrungen abgeschlossen werden konnten.

Mit Ehrgeiz würde ich den Willen umschreiben, sich und seine Kompetenzen regelmässig darzustellen und das Ziel damit zu verbinden, im gewählten Thema ein Hotspot zu sein. Vielleicht liegt sogar eine Themenführerschaft drin?
Mit Bescheiden würde ich sagen, man postet so vier bis fünf Mal pro Jahr seinen Status quo. In 10 Jahren werden das dann auch 50 Posts. 50 Posts, die eine Geschichte erzählen, die man aus einem CV nie herauslesen kann.
Mit einem Blog spielt sich jede Bewerberin und jeder Bewerber in die Königsklasse. Vorausgesetzt der Autor/die Autorin nimmt die Sache entsprechend ernst.

Es muss nicht unbedingt ein Blog sein. Auch das regelmässige, professionell konzipierte und konsequent umgesetzte Posten in Social Media Profilen kann helfen, sich als komplette und kompetente Person darzustellen. Die Zeit des Spasspostens auf Social Media läuft allmählich aus und hat man erst das Partyalter hinter sich, dürfen es auch Fotos auf den Fotoplattformen werden, die auf seriöse Weise das eigene Leben dokumentiert. Man muss sich einfach genau bewusst sein, dass Bilder eine andere Sprache sprechen als der selber geschriebene und kontrollierte Text.

Wie eine Untersuchung ehemaliger Bachelor-Studenten der Berner Fachhochschule Departement Wirtschaft, Frau Shadya Priska Fasel und Philipp Patrick Rohner, zeigte, achten Arbeitgeber besonders auf Aktualität und Vollständigkeit, aber auch darauf, wie aktiv sich Kandidatinnen und Kandidaten auf den Sozial Media Plattformen bewegen.

Bewegt man sich auf verschiedenen Portalen und Webseiten, sollte man darauf achten, diese miteinander zu verknüpfen (Fasel/Rohner), um so dem Rekrutierer in die Hände zuspielen und ihm eine gezielte Lesehilfe zu bieten.

Die Unternehmen sind heute darauf aus. Leute zu bevorzugen, die eine "Digitale Denke" mitbringen. Eine solche kann man sich nur aneignen, wenn man sich auch entsprechend in der digitalen Welt auskennt. Das bedeutet nicht, dass man bloss weiss was Snapchat, Tinder, Instagram, Pinterest usw weiter ist. Es bedeutet auch, dass man hinter die Kulissen sehen kann. Dass man das Geschäftsmodell von Uber kennt oder jenes von AirBnB und anderer. Es bedeutet auch, das man eine Ahnung von eCommerce hat, oder von Digital Pricing. Und viele andere Dinge mehr. Vieles davon finden Sie in diesem Blog. Die Stichworte finden Sie unter 'Label'.

Veränderung des Rekrutierungsprozesses

Wir erleben derzeit auch die Digitalisierung des Rekrutierungsprozesses. 

Ein Stichwort ist Active Sourcing. Gemeint ist damit die aktive Suche nach geeigneten Kandidatinnen und Kandidaten. (Wurde früher auch etwas unschön mit Headhunting umschrieben.) Stellen werden nicht mehr ausgeschrieben, sondern HR-Mitarbeitende, oder Stellenvermittler suchen in ihren Datenbanken geeignete Kandidaten. Wer also in der digitalen Welt nicht sichtbar ist, kommt entsprechend auch nie auf die Screens der Suchenden.

Unternehmen haben begonnen, aktive Netzwerke möglicher Arbeitnehmer aufzubauen und zu pflegen. Wer Eingang in solche Netzwerke haben will, muss dafür schon einiges tun. Grund für ein derartiges Vorgehen ist der zunehmende Fachkräftemangel. Dieser geht auf verschiedene Ursachen zurück.

Social Media Recruiting wird regelmässig als Werkzeug der Personalrekrutierung untersucht. Die Social Media Recruiting Studie gibt Auskunft über aktuelle Entwicklungen.

Ein weiterer Begriff, der populärer wird, ist Robot Recruiting. 95% der USA-Firmen sollen sich Algorithmen sowie Big Data zu Nutze machen, um Vorauswahlen effizienter vornehmen zu können. Algorithmen sind objektiver und achten auf gefragte Fakten und ignorieren emotional gefärbte Beurteilung wie Geschlecht, Hautfarbe und andere sekundäre Faktoren. 
Derweil befürchten Bewerber, dass bei diesem Verfahren die Softskills unberücksichtigt bleiben, wo diese heute doch als entscheidend betrachtet werden.

Rechnen Sie damit, dass Sie zukünftig auf Ihrem SmartPhone für eine neue Stelle angesprochen werden. Big Data Analyse ist im Marketing das Thema. Es dürfte nur eine Frage von kurzer Zeit sein, bis Big Data auch in der Personalbeschaffung eingesetzt wird. Findet der Analytiker geeignete Kandidaten, wird  er seinen Rekrutierungsroboter damit speisen und dieser wird Sie dann kontaktieren, um Ihnen entsprechende Fragen zu stellen. Antworten Sie in dieser noch eher befremdlichen Vision die Fragen richtig, werden Sie im nächsten Schritt zu einem persönlichen Bewerbungsgespräch eingeladen. Alles selbstverständlich unter der Voraussetzung, sie sind bereit für einen Stellenwechsel oder Sie sind interessiert, Ihren aktuellen Marktwert zu erfahren.

Inhalte, die der Selbstvermarktung dienen

Authentizität steht hier an erster Stelle. Vielleicht sind Sie ja tatsächlich ein Wunderkind, ein Star unter Influenzern, aber rühmen Sie sich nicht aus dem Spiel, überlassen Sie die Beurteilung getrost Dritten. Seihen Sie authentisch, ehrlich, einfach sympathisch.

Die Idealform der Selbstvermarktung ist der Blog. Daran zweifle ich nicht. Deshalb beziehe ich mich bei allen folgenden Empfehlungen auf dieses Instrument. (Auf die Vermarktung des Blogs komme ich weiter unten zu sprechen.)

Der erste Blogeintrag gilt der Person selber. Ihre Fähigkeiten, Kenntnissen, Erfahrungen, nachweisbaren Begabungen und Rahmenbedingungen bis hin zu Vorlieben und Leidenschaften müssen in sachlichem Ton beschrieben werden.

Aus dem Marketing kennen wir das Alleinstellungsmerkmal (Unique Selling Propositions USP). Das lässt sich auch auf eine Person anwenden. In unserem Blog sollen die Suchenden Hinweise auf unsere sozialen, methodischen und fachlichen Stärken stossen. 

Definition, wer man ist und wohin man will, muss von Zeit zu Zeit den sich entwickelten Verhältnissen angepasst werden.

Geschickt ist, wer sich ein eigenes Ranking jener Unternehmen anlegt, bei denen man gerne arbeiten würde. In weiser Voraussicht und unter Berücksichtigung der jeweils ausgeschriebenen Stellen und Funktionen der entsprechenden Unternehmen, kann dieses Wissen über die gesuchten Anforderungen direkt angespielt werden. Das gibt gut und gerne einige Posts pro Jahr her. Die Folge davon ist, dass sich der Rekrutierer bei Ihnen wiederfinden kann. Auch die Tatsache wird er bemerken, dass Sie bestens Bescheid wissen was bei Ihrem Traumarbeitgeber über die Zeit so läuft.

Es ist neuerdings ziemlich umstritten, ob einem CV oder einer Bewerbung ein eigenes Bild beigefügt werden soll oder nicht. Ich empfehle ein gutes, der Realität entsprechendes Bild im Blog zu zeigen, das auch regelmässig erneuert werden soll. Es muss nicht ein Modellbild sein, aber es soll sympathisch wirken. Soweit müssen wir die Betrachtenden lenken. Kein Bild zu zeigen, halte ich für falsch. Denn wir sind im Internet und dort ein Klick von der Google Bildsuche entfernt. Alles können wir dort nicht jederzeit kontrollieren.

Selber Inhalte über sich erstellen, ist so eine Sache. Aber können wir sicher sein, dass es nicht auch andere an unserer Stelle tun? Darum sollte man gelegentlich das Web durchkämmen oder durchkämmen lassen noch fast besser, um unliebsame Darstellungen zu eliminieren. Es gibt spezialisierte Agenturen, die nehmen Geld für diese Arbeit.

Wer sich überwindet oder gar keinerlei Hemmungen kennt, stellt sich aus Eigensicht im besten Licht dar. Kann man tun. Ich aber empfehle, auch das Beschreiben von Niederlagen, Fehleinschätzungen, und überhaupt eine angemessene Selbstreflektion zuzulassen. Damit lässt sich zeigen, dass man daraus gelernt hat und ein zweites Mal daran nicht scheitern wird. Alles ist eine Frage des richtigen Tons. Ein sorgfältig gearbeiteter Text ist somit eine Selbstverständlichkeit.

Ein Hinweis zu Online-Bewerbungen, die dem Robotic Recruiting zugeführt werden. Denken Sie wie ein Roboter: geradeheraus, simple, schmucklos. Seien Sie präzise, zerlegen Sie schwierige Sätze in kurze. Formulieren Sie aktiv. Halten Sie sich zurück und verzichten Sie auf kreative Ergüsse: einfache Schriften, keine Illustrationen, keine Abkürzungen. Prüfen Sie die Rechtschreibung, Roboter übersetzen (noch) nicht falsch Geschriebenes. Und lesen Sie die Stellenausschreibung nochmals und prüfen, ob die dortigen Stichworte sich in Ihrem Text wieder zu finden. 
Und zum Schluss noch dies: Menschliche Rekrutierer lesen die Kommentarzeile. Nutzen Sie diesen Raum, um Ihren USP anzubringen.

Die Vermarktung der Vermarktung

Auf dem Blog herrscht Selbstdisziplin, Kontrolle und Differenzierung. Der Blog als Herzstück, als Krone, als wahrer Claim für Rekrutierer, muss entsprechend behandelt sein. Es darf sich kein einziger Fehler, keine Schreibfehler, keine Experimente, keine Selbstzerfleischung usw. zu entdecken sein.

Was im Blog beschrieben wurde, kann auf allen zur Verfügung stehenden Social Media Plattformen angeteased werden. Das will heissen, dass man zwischen seinen ganz normalen Posts auch einmal einen anpreisenden Text eines Blogeintrages hingewiesen werden darf. 

Verkaufen Sie Ihre Beiträge insbesondere auch auf den Business-Plattformen Xing und LinkedIn. Suchen Sie das Web danach ab, ob es auch Jobplattformen Ihrer Branche gibt. Legen Sie sich ein Profil dort an und pflegen Sie es.

Legt man sich seine Vermarktungstrategie zu Recht, tut man sicher gut daran sich bewusst zu sein, dass man an der eigenen Markenpersönlichkeit arbeitet.

Netzwerken ist Netzwerken ist Netzwerken

Reden wir heute von Xing und LinkedIn als die Referenzplattformen für Business Netzwerken, dann ist das nur die halbe Miete. Netzwerke bilden im realen Leben die Basis für die Vergabe von ca. 40% der Stellen, wie Untersuchungen gezeigt haben.

Denken wir daran, dass auch unsere engsten Freunde und der Kollegenkreis bei der nächsten Bewerbung um eine Anstellung eine Rolle spielen können. Binden Sie diese also auch ein. Laden Sie diese direkt und persönlich ein, wenn Sie in Ihrem Blog etwas publiziert haben. Fragen Sie diese um deren Meinung, kritisches Hinterfragen usw.

Die Kunst des Netzwerkens ist also viel mehr als ein Hobby. Es kann erlernt und geübt werden. So dass der Netzwerk-Profi auch hier Realität und Virtualität furios kombiniert und zu seinem Nutzen einsetzt. "Digitale Denke" eben. Auch diese lässt sich antrainieren: durch Bildung.

Es lohnt sich, sich weiter zu bilden

Alles was Selbstvermarktung betrifft, konnte hier nicht angesprochen werden. Es gäbe noch viel Detailwissen, das sich lohnt, sich im Selbststudium anzueignen. Darum folgt hier ein Literaturverzeichnis, mit herzlichen Dank an Fasel/Rohner:

  • Bärmann, F., 2017. XING. Erfolgreiches Networking im Beruf, 2. Auflage, Frechen: mitp Verlags GmbH & CO. KG.
  • Ebbert, B., 2013. Selbstmarketing. Mehr Erfolg durch geschickte Eigen-PR, Freiburg: Haufe-Lexware GmbH & Co. KG.
  • Kawasaki, G. und Fitzpatrick, P., 2014. The Art of Social Media. Power Tips for Power Users, New York: Portfolio / Penguin.
  • Kühn, R., Pfäffli, P., 2012. Marketing. Analyse und Strategie, 14. Auflage, Zürich: Wird Verlag.
  • Scheel, A., & Steinmetz, H., 2015. Selbstmarketing im Social Web. Erprobte Strategien für die eigene Karriere, Wiesbaden: Springer Gabler.
  • Shah, M. R., 2014. Karrierebeschleunigung mit LinkedIn. Freising: Stark Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG.
  • Wüst, P., 2015. Profil macht Karriere. Mit Self Branding zum beruflichen Erfolg, 4. Auflage, Zürich: Orell Füssli Verlag AG.
  • Kramer, P.D. (2011) Dienstleistungsmarketing, Kommunikationspolitik und Tourismus, Bremen: Europäischer Hochschulverlag
  • Esch, F.-R. (2014) Strategie und Technik der Markenführung, München: Verlag Franz Vahlen GmbH

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