Projekt R und die Suche nach dem richtigen Geschäftsmodell - Fragen

Ich bin ungefragt. Im Sinne von Creative Commons lege ich meine Überlegungen zu einem Geschäftsmodell einer journalistischer Plattform offen und hoffe, nützliche Überlegungen beizutragen.

Ich gestehe. Ich gehöre auch zu jenen, die ab 1996 werthaltige Inhalte, in meinem Fall aus den Redaktionen Bieler Tagblatt und Journal du Jura kostenlos ins Web gestellt haben. Das war weniger Konzept als der Not gehorchend. Zahlreiche Gründe führten damals zu diesem Handeln. Ein unnötiger war die Orientierung nach dem Klassenbesten. damals wie heute die New York Times. Auch die NYT lieferte digital kostenlos aus, um dann kurzfristig eine Paywall aufzurichten, die sie bald wieder niederriss. Der Click-Verlust war zu dramatisch und schmälerte die Werbeeinnahmen.
In Zürich leistete sich TAMEDIA Kurt W. Zimmermann als Internet-Pionier. TAMEDIA trat in den Webmarkt viel später ein als wir, neben den Schaffhauser Nachrichten und der Appenzeller Zeitung. Ganz Tsüri-mässig trat Zimmermann grossspurig auf und wollte sein Geschäftsmodell durchdrücken. Uns in Biel bot er an unsere Classifieds (Kleininserate aus den Bereichen Immobilien, Stellen und Autos) zu übernehmen und auf eine zentrale Plattform zu stellen. Nachdem wir einen hohen sechsstelligen Betrag nach Zürich schicken würden. Wir lehnten den Witz ab ohne die Pointe verstanden zu haben...


Man muss verstehen, dass wir damals Lesende bedienten, die zuhause via Modem der ersten Generationen auf das Internet zugriffen. Durchgestylte Webseiten gab es praktisch keine. so waren uns die Hände für Zeitgeist gebunden. Das war Stand der Dinge.
Die Begriffe Makro- und Microbilling gab es nicht oder nur in engen Bankenkreise. SMS war ein Insiderteil, stand aber kurz vor dem Durchbruch. Doch erst im Jahr 2000 begriff ich, dass man damit auch als Nicht-Mobilfunker Geld verdienen kann. Ab dann war Teil meines damaligen Jobs, das den Verlegern begreiflich zu machen. Besonders erfolgreich war ich damals nicht und Thomas Trüb liess mich nicht nur einmal auflaufen...

Die Kreditkartengesellschaften boten damals noch kein Microbilling an. Der kleinste verrechenbare Betrag war auf CHF 5.- beschränkt. Selbst wenn wir damit etwas hätten anfangen können, wir wären nicht in der Lage gewesen die nötige Software für eine Anbindung unserer Inhalte an die Kreditkartenverrechnung zu bezahlen.

Aber wir waren sonst schon ziemlich schlau. Früh realisierten wir, dass uns das Internet Geld in die Kasse schwemmen würde, wenn wir Umwege gehen. Einer der Umwege war die Anschaffung eines Audiotext-Systems. Wir forderten über die Off- und Online-Kanäle unsere Leserschaft auf, uns auf eine Geschäftsnummer anzurufen, um dann mittels Telefontasten durch ein kostenpflichtiges Info-Angebot zu surfen. Uns war da nicht bewusst, wie wenige Frequenztelefone damals im Umlauf waren. Der Monopolist wir nicht in der Lage uns diese Daten zu geben. Es waren viel zu wenige und der Umbau weg vom Pulstelefon verlief schleppend. So war dieser Umweg bald ein Schlag ins Wasser und schuf uns mehr Probleme als er uns dienen konnte.

Parallel zu unseren ersten Telefonie-Erfahrungen etablierten wir inmitten der Stadt Biel ein Internet-Café (Cyberhouse mit Namen). 90% der Leute hatten damals noch keine Internet-Anbindung zu Hause. Mein Auftrag war, Jugendmarketing zu betreiben und auf diese Weise neue Abonnenten zu gewinnen. Wir boten Internet-Kurse an und binnen kurzer Zeit schleusten wir 1'000 Leute durch unsere Aufklärungskurse. Abonnements verkauften wir zwar keine, aber wir pushten unseren Webverkehr und produzierten Traffic auf unseren Seiten. Bannerwerbung gab es leider noch keine, darum auch keine Vermittler. So organisierten wir uns Werbeumsatz selber.

Immerhin war unser Internet-Café während des Donnerstagabendverkauf der Hotspot der Stadt. Unsere Partys waren legendär und aus unserer CyberHouse-Webseite entsprang ein gedrucktes Gratis-Szeneblatt und hätte der Verleger gewollt, es wäre eine Goldgrube geworden. Weil wir genau das richtige Segment erwischt hatten und die richtigen Massnahmen trafen, das Teil weit über das Marktgebiet hinaus bekannt zu machen. Genauso wie unsere Webseite, deren Inhalte Expats aus allen Teilen der Welt beisteuerten. Doch das ging dem Verleger zu weit. Fakt ist, unsere Pionierphase generierte Aktivitäten, die weit über den Tellerrand hinaus reichten. Wie das Web eben. Out of the Box. Die typische Schweizer Charaktereigenschaft stressten wir täglich.


Mir persönlich verhalfen diese vier Pionierjahre zu jenen Erkenntnissen, die ich dann bei Swisscom Mobile einbringen konnte und uns binnen wenigen Jahren zum Themenführer in der weltweiten Mobilfunkszene machte. Als Mitglied des Content-Teams bei Vodafone erhielt ich einen Hebel, der mich an die Front der Contentproduktion für die frühen Smartphones katapultierte. In diesen Pionierjahren machten wir Millionen, anders als damals bei unseren ersten Schritten im Internet. Und dann kam das iPhone...

Anders als noch zu Beginn der Nullerjahre als wir unglaubliche Anstrengungen unternehmen mussten, um an guten Content zu kommen, ist heute Content an jeder Ecke zu haben. Guter wie schlechter. Im Bereich News kann heute wie kaum je zuvor festgestellt werden, dass selbst wenn man das Handy zu Hause lässt, jeder über die aktuellen Vorgänge informiert ist. Man kann sich vermutlich nur noch auf einer abgelegnen Alp entziehen oder in der Wüste auf einem Kamel. Was hingegen auch zu beobachten ist und wissenschaftlich wohl bald untersucht werden muss, ist die Tatsache, dass die oberflächliche Information die Sicht auf die wahren Hinter- und Untergründe verdeckt und die Menschen vor lauter Überflutung Ursache und Wirkung kaum mehr beschreiben können. Das macht sie ungemein anfällig auf Fakenews.

Und es macht ein Geschäftsmodell für eine rein journalistische Plattform schier aussichtslos. Sie wird wohl nur eine Nische der Idealisten erschliessen können. Das kann funktionieren, wenn die Nische gross genug ist und Skaleneffekte möglich macht. Ob die Schweiz gross genug ist? Oder muss sie sich zumindest auf drei Sprachen ausdehnen: Deutsch, Französisch und Englisch? Kann sie dann eine global beachtete Magazin-Plattform werden und die provinzielle Swissness hinter sich lassen?

Meine Erkenntnisse aus vielen Jahren digitale Medientransformation, die im Kontext eines Projekt R Bedeutung haben könnten, sind folgende:

- Der Break Even ist ein Existenz bedrohendes Gerücht, insbesondere wenn er nach drei Jahren erreicht sein soll und das Projekt ab dann Gewinn erwirtschaften muss. Wird nicht klappen. Es braucht sieben Jahre, bis sich eine Plattform rentabilisiert. Selbst wenn Geld wie bei der TagesWoche etwa, kaum eine Rolle spielt, es wird zuerst einmal Jahre lang Geld verbrannt. Watson macht es vielleicht etwas schneller. Aber auch nur vielleicht. 
- Es gibt nur eine Aussicht auf Erfolg, nämlich wenn der Preis-Mix so differenziert wird, dass damit sehr viele Kundensegmente anvisiert werden können. Die Frage, ob Paywall oder nicht, ist eine Frage der Vergangenheit. Tatsache ist, wer Mehrwerte schafft, die genau auf die spezifischen Segmente abgestimmt sind, wird dafür entschädigt. 
- So wie es einen differenzierten Preis-Mix braucht, braucht es ein sehr differenziertes Produkt, ein Produktsortiment sowie angemessene Nebenleistungen. Auch eine auf puristisch-journalistische Inhalte konzentrierte Plattform wird darum nicht herum kommen ein vielschichtiges Angebot aufzubauen, ohne den jeweiligen Spartenmedien in die Quere zu kommen. D.h., nicht dasselbe vom selben, sondern Tiefe, tiefschürfende Geschichten hinter Menschen und deren Umfeld. 
- Die Preis-Mix-Diskussion finde ich im bestehenden Marktumfeld eine äusserst spannende. Soweit mein Beobachterauge reicht, wird sie unterschätzt. 
Ich würde den Preis nicht am Artikel oder gar am Access zu den Artikeln aufhängen, sondern an den Autoren. Ich möchte einen Autoren abonnieren und dessen Schaffen begleiten können. Ich würde dazu ein Layer-Konzept realisieren. Auf dem ersten Layer könnte ich von jedem Autoren dessen Abstracts zu seinen Beiträgen lesen. Will ich mich auf einen bestimmten Autoren mittel- oder längerfristig einlassen, wechsle ich auf den nächsten Layer, auf dem ich aktuelle Beiträge erhalte. Auf dem dritten Layer erhalte ich Zugang zu dessen Archiv, auf das ich immer Zugriff habe. Dabei könnte ich abonnieren und kündigen so oft und wann ich will.
Dies einige Gedanken zur neuen Journalisten-Plattform, die per 1. Januar 2018 online gehen soll.












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